Kunsthalle Bremen

Ausstellungsrundgang


»Ich glaube, man müsste beim Bildermalen gar nicht so an die Natur denken, wenigstens nicht bei der Konzeption des Bildes.«

Landschaften

Während ihres ersten Paris-Aufenthaltes im Jahr 1900 widmete sich Paula Modersohn-Becker ihrer städtischen Umgebung mit zwei Bildern, die aus der privaten Perspektive ihrer Unterkünfte im Pariser Viertel Montparnasse entstanden. In der kühnen Konstruktion und der schroffen Vereinfachung der Bildelemente weisen diese Arbeiten bereits auf die geometrisch gedachten Landschaften voraus, die Paula Modersohn-Becker nach ihrem ersten Paris-Aufenthalt in Worpswede schuf. Diese stehen im drastischen Gegensatz zu der gefühlsbetonten Landschaftsmalerei der Worpsweder und zeugen von der tiefen Beeinflussung der Malerin durch Paul Cézanne. Von ihm übernahm sie die grundsätzliche Idee, sich von der Wiedergabe der Natur zu befreien und den Natureindruck in eine optisch autonome Bildarchitektur zu übersetzen.

Je weiter sich Paula Modersohn-Becker im Laufe der Jahre durch ihre Paris-Aufenthalte künstlerisch von Worpswede entfernte, desto seltener griff sie die Landschaft als selbstständiges Sujet auf. Doch hielt sie an der Gattung in Verbindung mit symbolistisch aufgeladenen, figürlichen Darstellungen fest. Darin zeigte sie sich beeinflusst von der flächenbetont-dekorativen Malerei der Nabis. Wie etwa deren Mitglieder Maurice Denis und Paul Sérusier suchte auch Paula Modersohn-Becker mittels vereinfachter Formen und suggestiver Farben über das Sichtbare hinaus zu gelangen und die Dinge in dem Gefühl zu beschreiben, das sie auslösen.

Paula Modersohn-Becker, Blick aus dem Atelierfenster der Künstlerin in Paris, 1900, Kunsthalle Bremen - Der Kunstverein in Bremen

 

Paula Modersohn-Becker
Blick aus dem Atelierfenster der Künstlerin in Paris, 1900
Pappe
Kunsthalle Bremen – Der Kunstverein in Bremen 

Paula Modersohn-Becker, Dämmerungslandschaft mit Haus und Astgabel, um 1900, Kunsthalle Bremen - Der Kunstverein in Bremen    

 

Paula Modersohn-Becker
Dämmerungslandschaft mit Haus und Astgabel,
um 1900
Pappe, 42,5 x 55,7 cm
Kunsthalle Bremen – Der Kunstverein in Bremen

Paula Modersohn-Becker, Mond über Landschaft, um 1900, Paula Modersohn-Becker-Stiftung, Bremen
     

Paula Modersohn-Becker
Mond über Landschaft, um 1900
Pappe auf Hartfaser
Paula Modersohn-Becker-Stiftung, Bremen
Félix Vallotton (1865-1925), Im Mondschein, um 1894, Musée d'Orsay, Paris Félix Vallotton (1865−1925)
Im Mondschein (Clair de lune), um 1894
Öl auf Leinwand
Musée d’Orsay, Paris

 

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»Bei intimster Beobachtung die größte Einfachheit anstreben«

Kinderbilder und frühe Darstellungen von Mutter und Kind

Fast zwei Drittel der über 400 Figurenbilder von Paula Modersohn-Becker stellen Kinder dar. Sie malte Kinder aller Altersstufen sowie Mutter-Kind-Darstellungen − Themen, die sich auch bei Vincent van Gogh, Maurice Denis und Paul Sérusier oder bei dem jungen Pablo Picasso finden. Paula Modersohn-Becker aber widmete sich dem Kinderbild mit einer ganz außergewöhnlichen Intensität. Kinder wurden zu ihrem Hauptthema.
Ein ausschlaggebende Grund war ihre Faszination von der kindlichen Erlebniswelt. Viele ihrer Bilder zeigen Kinder in stiller Verschlossenheit. Dabei sind ihre Darstellungen einfühlsam, aber nie sentimental.
Grundsätzlich ging es ihr immer um eine klare Erfassung ihrer Modelle. Oft sind die Physiognomien stark vereinfacht zugunsten eines streng konstruierten Bildganzen. Ihr künstlerisches Ziel bestand darin, »bei intimster Beobachtung die größte Einfachheit an[zu]streben« (Tagebucheintrag, 20. Februar 1903).

Paula Modersohn-Becker, Junges Mädchen mit gelben Blumen im Glas, 1902, Kunsthalle Bremen – Der Kunstverein in Bremen    

 

Paula Modersohn-Becker
Junges Mädchen mit gelben Blumen im Glas, 1902
Kunsthalle Bremen – Der Kunstverein in Bremen 

Paula Modersohn-Becker, Säugling mit der Hand der Mutter, um 1903, Leinwand, doubliert, Kunsthalle Bremen – Der Kunstverein in Bremen

 

Paula Modersohn-Becker
Säugling mit der Hand der Mutter, um 1903
Leinwand, doubliert
Kunsthalle Bremen – Der Kunstverein in Bremen 

Paula Modersohn-Becker, Zwei Mädchen in weißem und blauem Kleid, sich an der Schulter umfassend, Mai/Juni 1906, Privatbesitz Hamburg, Courtesy Kunsthandel Wolfgang Werner, Bremen/Berlin 

Paula Modersohn-Becker
Zwei Mädchen in weißem und blauem Kleid, sich an der Schulter umfassend
Mai/Juni 1906
Privatbesitz Hamburg
Courtesy Kunsthandel Wolfgang Werner, Bremen/Berlin 

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»Aug’ in Auge einer großen einsamen Wahrheit.«

Das Selbstbildnis – Einsamkeit und Innenschau

Paula Modersohn-Becker malte während ihrer gesamten Schaffenszeit über 30 Selbstbildnisse; viele davon entstanden in den Jahren 1905 und 1906, in denen sie ihre endgültige Umsiedlung nach Paris plante und durchführte. Mehr denn je war sie auf sich selbst zurückgeworfen. Auch im Werk von Paul Cézanne und Paul Gauguin zeugen zahlreiche Selbstporträts von einem Bedürfnis nach Selbstreflexion. Wie Cézanne gehörte ganz sicher auch Gauguin zu den »drei oder vier Malerkräften«, von denen Paula Modersohn-Becker geschrieben hatte, dass sie auf sie wirkten »wie ein Gewitter und ein großes Ereignis«. Der Einfluss von Cézanne wird besonders in ihrer Stillleben-Malerei sichtbar, der von Gauguin in den großen Aktkompositionen der letzten Jahre.

Paula Modersohn-Becker, Selbstbildnis vor grünem Hintergrund mit blauer Iris, um 1905, Leinwand, Kunsthalle Bremen – Der Kunstverein in Bremen    

 

Paula Modersohn-Becker
Selbstbildnis vor grünem Hintergrund mit blauer Iris,
um 1905
Leinwand
Kunsthalle Bremen – Der Kunstverein in Bremen 

Paul Cézanne, Selbstbildnis, um 1878/80, Öl auf Leinwand, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München, Neue Pinakothek

 

Paul Cézanne
Selbstbildnis, um 1878/80
Öl auf Leinwand
Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München,
Neue Pinakothek 
Paula Modersohn-Becker, Selbstbildnis mit Hut und Schleier, 1906/07, Leinwand, Gemeentemuseum, Den Haag  Paula Modersohn-Becker
Selbstbildnis mit Hut und Schleier, 1906/07
Leinwand, Gemeentemuseum, Den Haag 

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»Oft wenn ich oben auf dem Omnibus saß, hat mir das Herz gelacht über diese schöne Stadt.«

Pariser Stadtlandschaften – Zeichnungen

In zahlreichen Briefen und Tagebucheinträgen äußerte Paula Modersohn-Becker sich begeistert über Paris. Künstlerisch fand die Beschäftigung mit der Stadt in rund vierzig Zeichnungen ihren Niederschlag, von denen eine Auswahl ausgestellt ist. Die meisten davon entstanden im Frühjahr 1905 und während des letzten Paris-Aufenthalts 1906. So skizzierte sie die noch winterlich vermummten Menschen im Jardin du Luxembourg vermutlich im Februar und März 1905, als sie mit ihrer Schwester Herma häufig hier spazieren ging. Andere Blätter zeigen die Kathedrale Notre-Dame, den Flusslauf der Seine und die sich darüber spannenden Brücken. Hier wie in den Zeichnungen von schmalen, engen Straßenzügen interessierte sich Paula Modersohn-Becker vor allem für die raumschaffende und raumverspannende große Linie, für die »Konstruktion« der Stadtlandschaft.

Paula Modersohn-Becker, Der Pont au Double, im Hintergrund Notre-Dame, um 1905/06, Kohle, Kunsthalle Bremen – Der Kunstverein in Bremen    

 

Paula Modersohn-Becker
Der Pont au Double, im Hintergrund Notre-Dame, um 1905/06
Kohle
Kunsthalle Bremen – Der Kunstverein in Bremen 

Paula Modersohn-Becker, Dreispänniger Pferdelastzug, schräg nach links geführt, um 1905/06, Kohle, Privatbesitz, Courtesy Kunsthandel Wolfgang Werner, Bremen/Berlin

 

Paula Modersohn-Becker
Dreispänniger Pferdelastzug, schräg nach links geführt, um 1905/06
Kohle
Privatbesitz
Courtesy Kunsthandel Wolfgang Werner, Bremen/Berlin 

Paula Modersohn-Becker, Passanten und Hunde auf dem Pont des Arts, im Hintergrund der Pont Neuf, um 1906, Kohle, Kunsthalle Bremen – Der Kunstverein in Bremen

 

Paula Modersohn-Becker
Passanten und Hunde auf dem Pont des Arts, im Hintergrund der Pont Neuf, um 1906
Kohle
Kunsthalle Bremen – Der Kunstverein in Bremen 
Paula Modersohn-Becker, Obst- und Gemüsehändlerin an ihrem Stand, im Hintergrund der Eiffelturm, 1906, Kohle, Kunsthalle Bremen – Der Kunstverein in Bremen  Paula Modersohn-Becker
Obst- und Gemüsehändlerin an ihrem Stand, im Hintergrund der Eiffelturm, 1906
Kohle
Kunsthalle Bremen – Der Kunstverein in Bremen 

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»Nachmittags zeichne ich Akt. Jede halbe Stunde eine andere Stellung. Das macht mir viel Freude.«

Akt - Zeichnungen und Gemälde

Bei all ihren Paris-Aufenthalten besuchte Paula Modersohn-Becker die privaten Akademien Colarossi oder Julian, um nach Modellen Akte zu zeichnen und zu malen. In der Ausstellung belegen Zeichnungen von Maurice Denis, Aristide Maillol oder Félix Vallotton das Aktstudium auch der Avantgarde-Künstler dieser Zeit. Dabei handelt es sich bei ihren Zeichnungen um so genannte »Croquis-Akte«. Im schnellen Wechsel der Positionen erfassten die Künstler das Modell in reinen Umrisslinien. Daneben übte Modersohn-Becker sich jedoch auch in sorgfältig modellierten, malerisch wirkenden, großen Modellakten. Davon befreite sie sich nach dem ersten Besuch des Bildhauers Bernhard Hoetger in ihrem Atelier: »Es sind alles große Werke, bleiben Sie sich selbst treu, geben Sie den Besuch der Schule auf«, riet er ihr. Fortan entstanden nach eigenen Modellen im Atelier sehr frei gezeichnete Akte nach Kindern und Frauen. Paula Modersohn-Becker hatte zu einer neuen Stufe ihrer künstlerischen Freiheit gefunden.

Paula Modersohn-Becker, Stehender weiblicher Akt, frontal, die Arme abgewinkelt, 1900, Leinwand, Kunsthalle Bremen – Der Kunstverein in Bremen 

 

Paula Modersohn-Becker
Stehender weiblicher Akt, frontal, die Arme abgewinkelt, 1900
Leinwand
Kunsthalle Bremen – Der Kunstverein in Bremen 

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» ... die große Wirkung nobler Einfachheit«

Der Akt - Kinderbilder, Mutter-Kind-Darstellungen und Selbstbildnisse im Akt

Paula Modersohn-Beckers Kinderbilder, Mutter-Kind-Bilder und Selbstbildnisse im Akt, die 1906 in Paris entstanden, gehören zu ihren Hauptwerken. In ihnen schlägt sich der Einfluss Paul Gauguins nieder, dessen Kunst Paula Modersohn-Becker im Frühjahr 1905 in Paris für sich entdeckt hatte. Seine Darstellungen der naturverbundenen Südsee-Insulaner in ihrer großen Formensprache und dem Ausdruck selbstverständlicher Gelassenheit kamen ihrer Vorstellung der »großen Einfachheit« und ihrer Suche nach dem Wesenhaften im Menschen entgegen. Vor allem Kinder stehen in ihrer Kunst für naives, still aufnehmendes Dasein. Die kreatürlich aufgefassten Mutter-Kind-Akte versinnbildlichen dagegen eine elementare menschliche Beziehung in ihrer primitiven Urkraft. Paula Modersohn-Becker hatte so an den primitivistischen Strömungen der zeitgenössischen Kunst teil, die bei Gauguin ihren Ausgangspunkt hatten und Künstler von Picasso bis Matisse in ihren Bann schlugen.

Paul Gauguin, Zwei Tahitianerinnen am Strand, 1892, Öl auf Leinwand, Honolulu Academy of Arts, Geschenk von Anna Rice Cooke, 1933

 

Paul Gauguin
Zwei Tahitianerinnen am Strand, 1892
Öl auf Leinwand
Honolulu Academy of Arts
Geschenk von Anna Rice Cooke, 1933 

Paula Modersohn-Becker, Selbstbildnis als stehender Akt mit Hut, Sommer 1906, Leinwand, doubliert, Privatbesitz Bremen, Courtesy Kunsthandel Wolfgang Werner, Bremen/Berlin

 

Paula Modersohn-Becker
Selbstbildnis als stehender Akt mit Hut,
Sommer 1906
Leinwand, doubliert
Privatbesitz Bremen
Courtesy Kunsthandel Wolfgang Werner, Bremen/Berlin 

Paula Modersohn-Becker, Mutter mit Kind auf dem Arm, Halbakt II, Herbst 1906, Leinwand, Museum am Ostwall, Dortmund

 

Paula Modersohn-Becker
Mutter mit Kind auf dem Arm, Halbakt II,
Herbst 1906
Leinwand
Museum am Ostwall, Dortmund 

Paula Modersohn-Becker, Sitzender Mädchenakt mit Blumenvasen, 1906/07, Leinwand, Von der Heydt-Museum, Wuppertal    

Paula Modersohn-Becker
Sitzender Mädchenakt mit Blumenvasen, 1906/07
Leinwand
Von der Heydt-Museum, Wuppertal 

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»Stirn, Augen, Mund, Nase, Wangen, Kinn, das ist alles. Es klingt so einfach und ist doch so sehr, sehr viel«

Porträts und Köpfe

Bis weit in das 19. Jahrhundert erwartete man von einem Porträt, eine Person ansprechend und wiedererkennbar wiederzugeben. In Paula Modersohn-Beckers Porträts aber tritt das Individuelle ganz zurück. Die Kopfdarstellungen dienten ihr vor allem dazu, die formalen Qualitäten eines Gesichtes zu analysieren. »Stirn, Augen, Mund, Nase, Wangen, Kinn, das ist alles. Es klingt so einfach und ist doch so sehr, sehr viel«, notierte sie 1903 nach der Betrachtung antiker Kunstwerke und ägyptischer Mumienbildnisse im Louvre. Die vollen Konsequenzen aus dieser Erkenntnis zeigen sich in ihrem 1906 entstandenen Bildnissen von Lee Hoetger und Werner Sombart, in denen das menschliche Gesicht auf seine Grundformen reduziert ist. Damit verlief Modersohn-Beckers Entwicklung in dieser Zeit parallel zu der Pablo Picassos. Dieser hatte zu Beginn des Jahres 1906 antike iberische Skulpturen im Louvre gesehen, die ihn zu stark vereinfachten Porträts wie dem Kopf eines jungen Mannes inspirierten. Der zwei Jahre später entstandene Frauenkopf zeigt, dass dieser Weg ihn zu einer der größten Revolutionen der Malereigeschichte der Neuzeit führte: zum Kubismus.

Paula Modersohn-Becker, Halbakt einer Italienerin mit Teller in der erhobenen Hand, Herbst 1906, Leinwand auf Hartfaser, 55 x 38 cm, Privatbesitz    

 

Paula Modersohn-Becker
Brustbild Lee Hoetger, August 1906
Papier auf Pappe, 41 x 28 cm
Privatbesitz Bremen
Courtesy Kunsthandel Wolfgang Werner, Bremen/Berlin 
Paula Modersohn-Becker, Halbakt einer Italienerin mit Teller in der erhobenen Hand, Herbst 1906, Leinwand auf Hartfaser, 55 x 38 cm, Privatbesitz  Paula Modersohn-Becker
Halbakt einer Italienerin mit Teller in der erhobenen Hand, Herbst 1906
Leinwand auf Hartfaser, 55 x 38 cm
Privatbesitz 

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»Der große Stil der Form verlangt auch einen großen Stil der Farbe«

Stillleben mit Früchten

Das Stillleben avancierte in der Moderne zu einem Hauptthema. Lange hatte man der Stilllebenmalerei von akademischer Seite vorgeworfen, die Dinge bloß nachzuahmen und keinen Erfindungsreichtum zu erfordern. Doch gerade die vermeintliche Anspruchslosigkeit des Stilllebens bot einen experimentellen Freiraum, den sich die Künstler der Avantgarde zunutze machten.
Insbesondere Paul Cézanne reflektierte im Stillleben grundsätzliche, innerbildliche Gestaltungsprinzipien. Auf Paula Modersohn-Beckers Beeinflussung durch Cézanne verweist zum Beispiel das Stillleben mit Äpfeln und Bananen: sowohl in der formalen Vereinfachung und der stofflichen Vereinheitlichung der Bildgegenstände als auch in den bewusst eingesetzten Perspektivschwankungen.
Aus anderen Stillleben von Paula Modersohn-Becker spricht deutlich ihre Auseinandersetzung mit dem so genannten ‚Cloissonismus’ − ein Begriff, der Emile Bernards und Paul Gauguins Malweise bezeichnet, Bildgegenstände in leuchtenden Farben über dunkle Konturen zu dekorativen Flächen zusammenzufassen. Darüber hinaus weisen einige Stillleben von Paula Modersohn-Becker in ihrer Starkfarbigkeit darauf, dass sie sich mit der Malerei der Fauves auseinander gesetzt hatte, des Kreises um Henri Matisse.
Paula Modersohn-Becker erprobte immer wieder neue Wege, um Farbe, Form und Fläche zu verselbständigen und darüber den Ausdruck ihrer Bilder zu steigern. Letztlich ging es ihr stets darum, die geheime Poesie der Dinge hinter ihrer äußeren Erscheinung offen zu legen. Sie selbst fasste dieses künstlerische Ziel in die Formel: »das Ding an sich − in Stimmung«.

Paul Cézanne, Stillleben mit Äpfeln in Schale, um 1879–82, Öl auf Leinwand, Ny Carlsberg Glyptotek, Kopenhagen    

 

Paul Cézanne
Stillleben mit Äpfeln in Schale, um 1879–82
Öl auf Leinwand
Ny Carlsberg Glyptotek, Kopenhagen 

Paula Modersohn-Becker, Stillleben mit Äpfeln und Bananen, um 1905, Leinwand, Kunsthalle Bremen – Der Kunstverein in Bremen

 

Paula Modersohn-Becker
Stillleben mit Äpfeln und Bananen, um 1905
Leinwand
Kunsthalle Bremen – Der Kunstverein in Bremen 
Paula Modersohn-Becker, Stillleben mit Goldfischglas, Mai/Juni 1906, Pappe, Von der Heydt-Museum, Wuppertal  Paula Modersohn-Becker
Stillleben mit Goldfischglas, Mai/Juni 1906
Pappe
Von der Heydt-Museum, Wuppertal 

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»Halten Sie sich Ihr Allerinnerstes rein, das, was wir mit den Kindern und den Vögeln und den Blumen gemeinsam haben«

Blumenstücke und Figur vor Blumengrund

Das Blumenstück war um 1900 längst kein spezifisch weibliches Thema mehr. Das Sujet reizte unter anderem Henri Matisse, Odilon Redon und Henri Rousseau zu Farb- und Formexperimenten − ebenso wie Paula Modersohn-Becker, die sich der Darstellung von Blumen besonders intensiv in ihrem letzten Lebensjahr widmete.
Das Thema kam ihrer Naturverbundenheit und ihrem Hang zur Dekoration entgegen. Blumen waren für sie darüber hinaus Sinnbilder der reinen Seele. »Halten Sie sich Ihr Allerinnerstes rein, das, was wir mit den Kindern und den Vögeln und den Blumen gemeinsam haben«, riet sie bereits im Frühjahr 1900 ihrem Malerfreund Heinrich Vogeler.
Mit ihren Figurenbildern vor floralem Grund ging Paula Modersohn-Becker 1907 einmal mehr ihrer Vorliebe nach, Gattungen zu verbinden. Indem sie Porträt und Stillleben kombinierte, fand sie zu neuen Formulierungen jenes Sujets, das sie schon in frühen Jahren in Worpswede entwickelt hatte: des Figurenbildes vor Landschaft.

Paula Modersohn-Becker, Bildnis Lee Hoetger vor Blumengrund, 1906, Leinwand, 92,4 x 73,5 cm, Kunstsammlungen Böttcherstraße/Paula Modersohn-Becker Museum, Bremen    

 

Paula Modersohn-Becker
Bildnis Lee Hoetger vor Blumengrund, 1906
Leinwand, 92,4 x 73,5 cm
Kunstsammlungen Böttcherstraße/
Paula Modersohn-Becker Museum, Bremen 
Paula Modersohn-Becker, Alte Armenhäuslerin im Garten mit Glaskugel und Mohnblumen, 1907, Leinwand, 96,3 x 80,2 cm, Kunstsammlungen der Böttcherstraße/Paula Modersohn-Becker Museum, Bremen       Paula Modersohn-Becker
Alte Armenhäuslerin im Garten mit Glaskugel und Mohnblumen, 1907
Leinwand, 96,3 x 80,2 cm
Kunstsammlungen der Böttcherstraße/
Paula Modersohn-Becker Museum, Bremen 

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